Neues Themenfeld 2025
Vorbemerkung:
Bei den nachfolgenden Darstellungen greife ich auf exkursartig einzuordnendes Texmaterial meiner Forschungsarbeit zu “doing space | doing memory | doing church” zurück, das ich für die Verlagspulikation dieser Arbeit zu einem größeren Teil auskopple und daher hier jetzt schon frei präsentieren kann.
Antje Martina Mickan
Thema: Michael Tippett und sein Oratorium
Eine Vorstellung des Oratoriums “A Child of Our Time” von Michael Tippett mit einem analytischen Blick auf Text und Musik erscheint hier (nach etwas Verzögerung) zum 4. November 2025 als Abschluss des Themenschwerpunktes 2025.
Bis dahin empfehle ich die nachfolgende Darstellung zur Frage, welche persönlichen Erfahrungen und weltpolitischen Ereignisse Tippelt bei der Erarbeitung seines Oratoriums besonders beeiflussten und so eine wesentliche Basis für dessen Entstehung und Gestalt bilden.
Michael Tippett und sein Oratorium "A Child of Our Time"
„I would know my shadow and my light, so shall I at last be hole“ (Tippett 1941/44)
Der nachfolgende Text ist (mit geringfügigen Änderungen) Teil meiner Habilitationsschrift: Mickan (2025), Antje: doing space | doing memory | doing curch. Analytisches Instrumentarium zur Erforschung gedächtnisbezogener ästhetischer Praxis und seine praktisch-theologische Anwendung, Rostock, S. 338-355.
Der britische Komponist Michael Tippett (1905-1998) hat mit seinem Oratorium „A Child of Our Time“ den Ereignissen, die 1938 der Reichpogromnacht vorausgingen und in unvorstellbar menschenverachtende Verfolgung jüdischen Lebens mündeten, ein musikalisch-poetisches Gedächtnis geschaffen. Die 1941 abgeschlossene und 1944 uraufgeführteKomposition aus Text und Musik steht unter dem Motto „I would know my shadow and my light, so shall I at last be hole“. Tippett nimmt dabei Konzepte christlicher Religionskultur auf und weitet sich in meinem von C.G. Jung inspirierten Ansatz in eine spirituelle Philosophie. Sie ist geleitet von der auch durch Erfahrung erlangten Einsicht, dass mit der Annahme von als “dunkel” oder ungewollt und verborgenen Seiten des eigenen Ichs, der Mensch nicht nur in ein wahrhaftigeres, stärkeres, kreativeres Persönlichkeitsgleichgewicht geraten kann, sondern dass Analoges auch für Kollektive wie Gesellschaften, Kulturen oder Nationen gilt. In einer Zeit eines wieder erstarkenden Totalitarismus ist die Stimme Tippelt ein ungemein wichtiger Beitrag mit kontrafaktiver Kraft, an die hier erinnert werden soll.
Aus künstlerischer Sicht handelt es sich um dasjenige Frühwerk, mit dem Tippett seinen ersten großen Erfolg erlebte, von dem ausgehend er sich musikalisch allerdings über Jahrzehnte hinweg mehrfach neu entwickelte (vgl. die Übersicht der Michael Tippett Musical Foundation). Wie sein Biograph Oliver Soden berichtet, sprach Tippett selbst in späteren Jahren in Bezug auf sein Oratorium öfter vom „silly old Child“, das er im Wissen um die nachfolgenden historischen Ereignisse des nationalsozialistischen Terrors wie auch der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki so nicht hätte schreiben können (vgl. u.a. Soden 2019, S. 346). Es ist aus heutiger Sicht aber durchaus sehr aufschlussreich, gerade dieses aus einer pazifistischen Haltung entspringende Werk im Zusammenhang mit Tippetts biographischer Entwicklung bis zur Uraufführung 1944 in London etwas genauer zu betrachten. Die konkrete kompositorische Arbeit lässt sich zwar auf die Jahre zwischen 1939 und 1941 eingrenzen. Wenn man jedoch auch Tippetts Entwicklung als diejenige eines besonderen Menschen seiner Zeit mit seinen bestimmten Beziehungen und Erfahrungen in den Blick nimmt, zeigt sich eine viel längere, komplexere und gerade heute ungemein spannende Entstehungsgeschichte. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Tippett nach einigem Hin und Her (dazu später mehr) das Libretto seines Oratoriums selbst verfasst hat, was im Übrigen von dort ausgehend für alle seine nachvolgenden Vocalwerken wie etwa den Opern “Midsummer Marriage”, “King Priam” und “The Ice Break” gilt.
Aus welchem Elternaus Tippett kam, welche Erfahrungen in Schule, Hochschule und in einem avantgardistischen Milieu ihn beeinflussten, welche Beziehung gerade auch zu Deutschland seine pazifistische Sicht auf die Ereignisse im Europa der 1930er Jahre beeinflusste und wie sich die Entdeckung seiner eigenen Homosexualität auf seine Kunst befreiend auswirkte, lesen Sie auf dieser Seite als eine Art Fortsetzungsstory, die sie sich eine analytische Auseinandersetzung mit dem Oratorium „A Child of Our Time“ anschließen wird.
Sinnigerweise beginne ich das erste Kapitel mit Tippetts Herkunft und Kindheit.